Abbildung 1: Foto: Joghurt I (Ulrike Ritter)



Quark-Maske, Kunst oder einfach Quark ? Die Kunst der Dekomposition von Michel Blazy und anderen KünstlerInnen stellt sich den brennenden Fragen von BILD und Le Monde: Qu'est-ce que l'art aujourd-hui?




Nichts, Fett und Wasser - von Menschen notwendig erfahrene, von KünstlerInnen der Gegenwart artikulierte Existenziale. Dass es die Tendenz zum Amorphen und Verschwindenden ist, die die Gegenwartskunst in ungezielter Differenzierung zu den Künsten in der Geschichte zum Vorschein bringt, kann wohl weniger als Ausdruck einer abendländischen Untergangsstimmung des 20. und 21. Jahrhunderts gewertet werden - wie berechtigt auch immer sie weltweit wäre :) - denn als Befreiungsschlag der avantgardistischen Kunst gegenüber dem Anspruch, ein Werk vorzustellen, das in seinem erkennbaren "Sein" nicht nur "originelle" Ideen sondern auch Existenz, Quantifizierbarkeit, Wert, Werterhalt, Tradierbarkeit etc. symbolisiert. Zwar war vielleicht sogar der naturalistische Aspekt der Renaissance-Malerei ursprünglich nicht mimetisch sondern wissenschaftlich-naturkundlich oder medizinisch - insofern, wie die ballistischen und tieranatomischen Skizzen von Leonardo da Vinci z.B., - auch in ihrer künstlerischen Bedeutung aus intentionaler Sicht überbewertet und einstmals mehr für den flüchtigen Alltag der Gedanken gedacht. Aber als Skizzen von Meisterhand sind sie doch, wie der in seiner historischen Rolle ins Monumentale gehende Hase Dürers, tradierbar, berechenbar, eben monumentale Dokumente eines neu kalkulierten Zugriffes auf die Realität in der Kunst. Was in ihnen erhalten ist, ist der Objektcharakter der Kunst und ihres Gegenstandes. So verwundert es nicht, dass Beobachtungen von quasi naturalistischen Zügen der Auflösung solcher Fundamente aus marginalisierten oder aus Randbereichen der Kunst, namentlich des Films und der feministisch orientierten Kunst stammen. Die Filme sind aus der Feder Greenaways, dessen "Kontrakt des Zeichners" vorführt, wie der "naturalistic approach" des Zeichners von symbolischen Bezügen und sozialen Ritualen auch optisch dokumentativ - wenn auch z.T. unbewusst - so unterlaufen wird, dass die Zeichnungen schließlich darstellen, was sie gerade nicht zeigen, die Intrige gegen den Zeichner und deren Hintergründe, die Geister, die er rief.




Foto Michel Blazy



In Greenaways "Ein Z und zwei Nullen" verfallen ebenfalls zwei Beobachter ihrem Objekt, zwei Biologen, die Schnecken bei der Selbstversorgung mit biologischen Abfallprodukten zuschauen, geben der Faszination an ihrem Objekt derart nach, dass sie sich selbst (schließlich und zuletzt und immerhin) im Moment des Sterbens filmen sowie ihre Leichname vor den Augen der Kamera den Schnecken zum Fraße aussetzen. Der Film - strenggenommen nicht Greenaways Film, sondern seine Idee eines Films, der Dokumentarfilm der Biologen, ist insofern Primärobjekt für eine Wahrnehmung und veranschaulichende Inszenierung von natürlichen Verfallsprozessen, in diesem Fall auch noch verbunden mit einem sowohl wissenschaftlichen als auch ästhetischen Anspruch.


Auch in der Kunst direkt beginnt das Thema Verfall und Schimmel im engeren Sinne nicht in der symbolischen Tradition der Vanitas-Darstellungen, sondern im Naturalismus und der quasi wissenschaftlichen Dokumentation. Hier sind die Selbstportraits zwischen verschimmelten Lebensmitteln von Cindy Sherman erste international vorgestellte Werke, die interessanterweise zwar die Überlegung weckten, man dürfe sich nun ekeln, aber nicht die Empörung, die dann schließlich im Jahr 2009 die Ausstellung von 'ausschließlicher', zugespitzter Schimmelkunst im neuen Pariser Palais Tokyo für Gegenwartskunst weckte - oder auch eine themenverwandte Ausstellung mit Daniel Braeg im Düsseldorfer Stadthaus: "Schimmel-Schau im Museum Ist das noch Kunst oder schon ekelig? Vorsicht, wenn Sie das nächste Mal schimmlige Lebenmittel im Kühlschrank entdecken: Es könnte Kunst sein!" titelte die BILD-Zeitung nahezu theorielastig. Und das, während die Kunsthalle Düsseldorf im Rahmen der Ausstellung "Eating the Universe. Vom Essen in der Kunst“ vom 28. November bis zum 28. Februar 2010, also gerade jetzt und aktuell, Werke vom Schimmelteppich bis zur Kinderkotze von international anerkannten Künstlerinnen und Künstlern zeigt.


Während das Stadthaus die Thematik eindeutig auf die Stilleben-Tradition zurückführte, rückte die größere Einzelausstellung des international nun zu Ansehen gekommenden Franzosen Michel Blazy, geb. 1966, im neuen Pariser Palais Tokyo für Gegenwartskunst, das Thema überzeugender in Richtung Landart und beschreibt den theoretischen Ansatz der "Schimmel-KünstlerInnen' viel richtiger als "Dekomposition" - also mehr der Dekonstruktion und der Tradition der diskurskritischen Literaturtheorie verbunden als der christlichen Symbolik der Kunsttradition.


Video: http://www.artivi.com/vernissages/tokyo.php


"Dekomposition" ist andererseits auch Ausdruck eines neuen bio-physikalischen Realismus, philosophisch gesehen, da kein Diskurs analytisch repräsentiert wird sondern, ganz im Gegenteil, ein natürlicher, bio-physikalischer Prozess zu neuen Ehren der Darstellung kommt. Insofern einfach ein Aspekt der Natur Thema der Dekompositionskunst ist, ist die von der Bild oder auch und sogar Le Monde als schockierend und grenzwertig vertitulierte Kunst konservative Mimesis, auch in ihrem innovativen Aspekt - KünstlerInnen weisen eine vernachlässigte Figuration in der Natur auf - in erster Linie Darstellung von 'naiv' Vorhandenem, Übersehenem. Die Dekompositionen, die Blazy, Greenaways Biologen oder Sherman Anlass zu ihrer Darstellung geben, sind diskursresistente natürliche Vorgänge.


Die Beziehung zur Land Art, die - ursprünglich in der Natur statt im Museum - Natur gestaltet oder umgestaltet, liegt in diesem streng mimetischen Impuls der "Schimmelkunst". Auch insofern Blazy u.a. klassische Medien und Objekte wählen, um ihr Thema leicht erfahrbar und handhabbar zu machen, verzichten sie vollständig auf eine Kritik an der Institutionalisierung der Naturbetrachtung, die sie vielmehr als Potenzial Erfahrung zu reflektieren, stärken und etablieren.


Dekomposition ist also langweiliger Backlash, Schimmel des Tradierten? Hm.... Also, die Werke sind recht lustig. Wir werden das gleich - parallel zum Silvesterfrühstück - zeigen. Zudem geht mit der BacktotheRoots Kunst einher, dass tatsächlich die naturalistische Betrachtung von Welt und Natur, z.B. bei Leonardo und Dürer, sich als monumentalistische Inszenierung von eigenständigem Sein erweist - sei es auch noch so hager oder alt, wie Dürers Greisin. Auch die Stilleben des 17. Jahrhunderts, mit all ihrem Verfall andeutenden Gewusel, zeigen das tote Jagdwild doch immerhin in seiner ganzen ehemals lebendigen, körperlichen Schönheit, selbst die Insekten in liebevollen Details als üppige Formentfaltung der Natur, die jedem noch so geringem Ding oder Wesen liebevoll Gestalt verleiht, wenn auch nur für einen gewisse Zeit.



Dürer Hase, 1502



Dekomposition zeigt nun einerseits Gestalt als etwas, dass auch monströse Deformation und Unbeständigkeit umfasst, sich auf Prozesse bezieht und sich der gefälligen Erfassbarkeit durch das Auge eines Betrachters, Besitzers oder Künstlers eher entzieht.

Andererseits wird eben auch - quasi nur konsequenter formuliert - Gestaltlosigkeit vorgestellt, die die Existenz (! - also in ihrer gesamten philosophischen Tiefe, jenseits des Nichts, vgl. Kunst und Nichts artou)) des Formlosen oder Amorphen, des Diskontinuierlichen empirisch vorführt und inszeniert. "Man" bzw. eher in etwa "etwas" muss also kein kontinuierendes Objekt sein, um existent zu sein. Das ist für die klassische Ontologie - die philosophische Lehre vom Sein - ein Problem, gerade zeitgenössische physikalistische Philosophien, die man nicht mit ihren mathematischen Schemata verwechseln sollte, bestätigen jedoch durch Reduktionsversuche auf elektromagnetische Felder und Ähnliches die Idee, dass Beständigkeit der Form eine vereinfachende Hilfsannahme des (menschlichen) Gehirns und der Sprache ist.


*Das Ontische* - tjjaaaaa - also nicht als Form zu denken, ist schwer, aber machbar, ja, nahezu denkbar. Und wir können es jetzt sogar sehen, trau schau wem, den SchimmelkünstlerInnen halt. Jetzt also zum Frühstück und zu den Werken. Schaulustigste Erwartung überfällt uns.....das Auge hungert und lüstet....


Während wir uns unreife Bananen ins Müsli mengen, betrachten wir eine Ansammlung irgendwie buddhistischer Tempeltürmchen aus aufeinandergestapelten Apfelsinenschalen in unterschiedlichen Verfallszuständen, mal bereits hübsch braun weiß, mal noch prall orange.


Foto: Michel Blazy




Das Objekt beweist uns, zumal gut fotografiert, dass die Vanitas-Stilleben keine reinen Erfindungen waren, Fliegen und Mücken mit Sicherheit echt, wenn auch ebenso deutlich wird, dass die Beschaffenheit von Obst und Gemüse im barocken Bildertypus nicht die weiche Eleganz, die Smoothness der gereiften Schale erreicht, wie die Apfelsinen von Blazy sie demonstieren.


-> Video der Eröffnung http://www.artivi.com/vernissages/tokyo.php


Le Monde über Blazys Einzelausstellung mit 22 Werken im Palais Tokyo berichtet zudem von einer Mauer aus Karotten und Kartoffelpüree, sowie Blumen aus Schinkensoße. Titel des Berichts ist "Qu'est-ce que l'art aujourd'hui?" (Ist das heutzutage Kunst?) Das Video der Ausstellungseröffnung zeigt, dass Blazy sich durchaus hinreichend Mühe gegeben hat, auch wirklich reaktionären Forderungen (!) an die Gegenwartskunst, sie sollte doch bitte handwerkliches Geschick in der Darstellung zeigen - d.h., die Realität so abbilden, wie "jederman" sie sieht und erwartet - gerecht zu werden. So ist z.B. die Mauer, die nach le Monde aus weichen Lebensmitteln hingekleistert ist, eine schimmernde, monumentale Wand, deren Oberflächeneffekt durch ein subtiles Netz aus Linien und dessen Farbeffekten (Karottenrot) - eine klassische ästhetische Wirkung entfaltet, die irgendwie an die emphatischen Lineaturen Gustav Klimts erinnern, somit auch daran, dass Kunst in den artifiziellsten Formen Natur aufzuspüren vermag und sich das, was man als natürlich oder als Darstellung von Natur wahrnimmt, ohnehin häufig wandelt.




Foto: Michel Blazy, Kleines Huhn.


Ein anderes Werk zeigt eine Art ländliches Idyll, eine Genreszene als Skulptur, konkret einen Hühnerstall mit Tieren aus Schokolade. Die Formen sind liebevoll ausgefeilt, Federkleid und Hahnenkämme nahezu mit gothisierender Detailfreude ausgestaltet. Etwas wie ein Strohhaufen in der Mitte ebenfalls aus organischen Grundnahrungsmitteln und dem Diskontinuum der Existenz geweiht.


André Magnin, der Ausstellungsdirektor des Palais Tokyo betont, dass es sich durchaus um "großartige" Kunst handelt, die nicht nur durch ihre ästhetische Ausarbeitung beeindrucken will sondern auch durch ihre raumgreifenden, sich ausweitenden, betont existierenden Aspekte.

Eine Rauminstallation aus Kartoffelpürree, das wie ein weiträumiger, flauschig-üppiger Teppich dem Raum eine eigene Qualität verleiht, bildet zugleich das Podest für ein riesenhaftes Tierskelett, das der Le Monde in diesem Kontext wie Hundefutter vorkommt.....

Der ästhetische Eindruck ist, wie gewohnt, eher umgekehrt. In ihrem Monumentalismus erinnern die Skulpturen an Anish Kapoor, der auch mit Fett, Wachs und reinem Farbpigment, sowie der Inszenierung monumentaler "biologischer", "nicht existenter" Formen (sogenannter "Voids" z.B. in "Archaeology and Biology", vgl. Arts-On.com "Svayambh - ein irreduzibles Monument, monumental. Skulpturen und Installationen von Anish Kapoor im Münchner Haus der Kunst", 2007-2008, http://www.arts-on.com/kapoor.html ) als 'passendes Gegenstück' (der feine Sinn des Ausdrucks "le pendant") zu naturalistischen Materialkünstlern wie Joseph Beuys verstanden werden kann - Vaseline und andere Fette als eigene Darstellungsinstrumente - mitunter im Sinne der Art Déco.. Michel Blazy, so wie im Palais Tokyo zu sehen, ist irgendwo dazwischen: Demonstration eigener Materialästhetik, eine Art ironische Bezugnahme auf kunsthistorische Typen, Genres, Stile und Begriffe, Monumentalismus und Seinslosigkeit, deobjektualisierender Zerfall, Dekomposition komponiert halt, "Kompost" im besten Sinne.



Anish Kapoor im Münchner Haus der Kunst. Foto: Ulrike Ritter


Während ich nun zum Anrühren der Quark-Honigmaske mit Gurkenscheiben übergehe, erinnere ich mich daran, mit welch seltsamer Aggressivität im Elternhaus darauf geachtet wurde, dass niemand Lebensmittel für Schönheitspflege oder Spielchen verwendete. Angesichts der hungernden Kinder in Afrika und sonstwo in der Welt waren Lebensmittel heilig? So zumindest vorgetragen, obgleich augenfälligst der Zusammenhang äußerst artifiziell ist. Angenommen, ich kaufe meine Lebensmittel systematisch in Dritte-Welt-Läden, dann wäre es doch nur gut, wenn ich, um den Konsum noch fleißig zu steigern, einen Teil davon auch für die Körperpflege verwenden würde? Also die "Spiel nicht mit den Lebensmitteln"-Philosophie doch eher eine Ausgeburt der knappen Spätvierziger, als Milch und Honig auf den Augenlidern noch den Hass des nicht-entnazifizierbaren Bauern von nebenan auf die "Aliierten-Schickse" evozierten. Von diesen Ängsten hat man sich in der Gegenwartskunst nun endgültig gelöst. Ebenso ist eigentlich seit dem Gelben Quadrat aus Haselnussblütenstaub und der Land-Art die Installation im Innen- und Außenraum für beliebige Materialien aus der Natur freigegeben. Aus der Land-Art kennt man auch das Prinzip des Zerfalls von Installationen, das wesentlich mit den natürlichen Verhältnissen verbunden ist, in die Kunst eingreift und dabei entweder natürliche Prozesse nicht aufhalten kann - wie Korrosionen oder Verwehungen - oder nicht aufhalten will. Noch vor dem Haselnussstaub löste innerhalb der komplett klassischen Bildhauerei Richard Serra mit seinen rostigen Stahlskulpturen ähnliche Empörung aus, Rost eben als Signum des Elends aus der Perspektive des Autofahrers, als natürliche Oberfläche von der Freiluft ausgesetztem Stahl eine Provokation? Zumindest war der Entsetzensschrei, der in den frühen Achtzigern durch das damals revolutionäre Bochum ging, größer als bei den wenigen Nackten, die unter Peymann über die Bochumer Theaterbühne sprangen, ungefähr in diesem Zeitraum.





Stahlskulptur von Richard Serra, 2009


Also, Zerfall als Ästhetikum ist kein Novum. In der Monumentalen, theoretisch und kunsthistorisch durchfächerten, systemischen Form von Michel Blazy ist die "Dekomposition" jedoch noch neu und, wie die genannten Werke zeigen, nicht auf Stilleben oder Naturalismus reduzierbar, sondern neben aller Materialität geistig anregend - really enlightening - durch die Hinweise auf den Natur- und Materialbegriff in der Kunst. Die Fragen von Le Monde und der Bild-Zeitung, ob das denn wirklich Kunst sein könne, treffen also schon deshalb ins Leere, weil sie gerade übersehen, dass diese Form der Beschäftigung mit artifizieller und natürlicher Dekomposition schon immer Kunst war. Richtig wäre gewesen, insbesondere als Titel des Le Monde Beitrages: Qu'est-ce qu'etait l' art ? (Das war Kunst ? )


Die Tradition der Dekomposition im Rahmen der sinnverwandten "Eat Art" (siehe oben) kann man zur Zeit in der Kunsthalle Düsseldorf besichtigen: "Sonja Alhäuser, Christine Bernhard, Michel Blazy, Arpad Dobriban, Thomas Feuerstein, Carsten Höller, Thomas Rentmeister, Philip Ross, Mika Rottenberg, Judith Samen, Shimabuku oder etwa Jana Sterbak zeigen die bis heute anhaltende Relevanz des künstlerischen Umgangs mit der Grundsubstanz Nahrung als elementare Schnittstelle von Kunst und Leben. Dabei werden auch kritische Aspekte berührt, etwa der Gegensatz zwischen Überfluss und Hunger in den verschiedenen Weltregionen, Konsum und Globalisierung, moderne Ernährungslehren und Kochshows, Gesundheitswahn und Fast Food."


Die Ausstellung „Eating the Universe. Vom Essen in der Kunst“ läuft vom 28. November bis zum 28. Februar 2010. Die Kunsthalle Düsseldorf hat täglich außer montags von 12 bis 19 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Es erscheint ein Katalog.


Kunsthalle Düsseldorf

Grabbeplatz 4

D-40213 Düsseldorf


Telefon: +49 (0)211 – 89 962 43

Telefax: +49 (0)211 – 89 291 68


Zitiert nach: http://www.kunstmarkt.com/pagesmag/kunst/_id199242-/news_detail.html?_q=

Nun gibt es noch gröbere, aber auch schaurig-lustige Randbemerkungen der Künste zur Innovation der Dekomposition, so z.B. die Schokoladenpralinen des amerikanischen Künstlers Stephen J. Shanabrook. Er kommt ursprünglich aus Ohio und ist ein paar Jahre lang um die Welt gegondelt, bevor er sich entschlossen hat, sich mit seinem Laden in New York niederzulassen. Er macht Pralinen mit Hilfe von Formen aus Leichenteilen, die er aus einem russischen Leichenschauhaus hat mitgehen lassen und die jüngst im neuen tasmanischen Museum für Moderne Kunst zum Kaffee gereicht wurden, natürlich klitzeklein, um die eigentlichen, größeren Werke nicht zu entwerten: Diese Schokoladenpralinen inszenieren ebenso Tod und Zerfall, auch reich an Anspielungen und Geschichten, sind sie doch geformt nach Abdrücken von Leichenteilen keiner ganz normal Sterblichen, sondern von Opfern und Tätern im Rahmen krimineller Delikte, sodass Narben, Schusswunden, Verkrampfungen etc. in diesen Abdrücken die grausige Ästhetik des süßen Objekts bestimmen. Nun, das ist natürlich in gewisser Weise pervers, weckt auch irgendwie die Idee des Kannibalismus, womit wir endlich wieder beim Anfang wären, den ich, angesichts dessen, dass die Silvesternacht auch gesundheitserhaltend die letzte Schokoladennacht ist, nach der Nahrungsmittel mit überhöhtem Zuckergehalt entsorgt werden, dann auch gleich als akulturell ablehnen würde. "Der Dieb, der Koch, seine Frau und ihr Liebhaber" - wieder ein Film von Peter Greenaway, der sich mit Dekomposition beschäftigt, mit der Zerstörung von Kultur durch die niedere Kochkunst, die schließlich, in einer klassischen Szene, dazu führt, wenn wir uns recht erinnern, dass der Koch, der den gebildeten, nur Bücher verzehrenden Liebhaber seiner Frau bestialisch ermorden und wie eine Weihnachtsgans aufgabeln und - spießen ließ, schließlich dessen mit Schokolade überzogenen Leichnam vor den Augen seiner Frau essen muss usw. Kurzum: Weniger menschliche Nähe ist mehr, schließlich spiegelt sich auch in Apfelsinenschalen die Kunst, selbst in bereits schimmeligen. Überhaupt geht diese Erzählung zum Thema Kunst und Schimmel nunmehr über zur immer psychologisierenden, mit und von Menschen erzählenden Filmgeschichte und landet natürlich bei Chabrol und dem berühmten Klassiker "Ekel", in dem schließlich für eine selber hochgradig uneklig anzuschauende Blondine abgestandene Lebensmittelreste von sexuell interessierten Männern ununterscheidbar werden...sich wieder annähernd der Schokoladenkriminalistik usw. usw... einfach mal ein Stück probieren :)


OHRENKNABBEREI





"Stephen J. Shanabrook ist ein Künstler, der ursprünglich aus Ohio kommt und ein paar Jahre lang um die Welt gereist ist, bevor er sich entschlossen hat, sich mit seinem Laden in New York niederzulassen. Er macht Pralinen mit Hilfe von Formen aus Leichenteilen aus einem russischen Leichenschauhaus. Vice interviewte ihn für das World Wide Web


'Vice: Hi Stephen. Lass uns direkt zum Essentiellen kommen. Als du deine Leichenschauhauspralinen gemacht hast, musstest du da, na ja, die Leichen auch anfassen?


Stephen Shanabrook: Ja. Im Nachhinein war es komisch, aber wenn du mittendrin bist, dann bist du einfach konzentriert und hast einen Grund für das, was du da tust und dann machst du es einfach. Mir ist erst hinterher klar geworden, wie krass das war.


Aber du hast deine Finger in tödliche Wunden von Leuten gesteckt.


Ich war so vorsichtig wie möglich. Ich meine,'" [....weiterlesen auf http://vice.typepad.com/vice_austria/2009/07/ohrenknabberei-.html]




Bericht: Ulrike Ritter

Fotos: wie angegeben